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Des Malers Scherz: Wie fängt er's an?
Was hier zu kurz - ist dort zu lang...



Ein Unzeit gemässer Dialog:
Der Immoralist, Forts.

Worauf sind unterschiedliche moralische Empfindungen zurückzuführen?

Da die Bedingungen der Erhaltung einer Gemeinde sehr verschieden von denen einer anderen Gemeinde gewesen sind, so gab es sehr verschiedene Moralen.

Was versteht man unter ‘Sitte’?

Moralisch, sittlich, ethisch sein heißt Gehorsam gegen ein altbegründetes Gesetz oder Herkommen. Ob man mit Mühe oder gern sich ihm unterwirft, ist dabei gleichgültig, genug, dass man es tut. ‘Gut’ nennt man den, welcher leicht und gern das Sittliche tut. Er wird gut genannt, weil er ‘wozu’ gut ist. Böse ist ‘nicht sittlich’ (unsittlich) sein, Unsitte üben, dem Herkommen widerstreben, wie vernünftig oder dumm dasselbe auch sei. Wie das Herkommen entstanden ist, das ist dabei gleichgültig, sondern vor allem Zweck der Erhaltung einer Gemeinde. Jeder abergläubische Brauch, der auf Grund eines falsch gedeuteten Zufalls entstanden ist, erzwingt ein Herkommen, welchem zu folgen sittlich ist.

Es gibt also gar keine Sittlichkeit?

Ich leugne die Sittlichkeit, wie ich die Alchymie leugne, das heißt, ich leugne ihre Voraussetzungen: nicht aber, dass es Alchymisten gegeben hat, welche an diese Voraussetzungen glaubten und auf sie hin handelten. – Ich leugne auch die Unsittlichkeit: nicht, dass zahllose Menschen sich unsittlich f ü h l e n, sondern dass es einen Grund in der Wahrheit gibt, sich so zu fühlen.

Empfehlen Sie also, alle Sittlichkeit abzuschaffen?

Ich leugne nicht, wie sich von selber versteht – vorausgesetzt, dass ich kein Narr bin – , dass viele Handlungen, welche unsittlich heißen, zu vermeiden und zu bekämpfen sind; ebenfalls, dass viele, welche sittlich heißen, zu tun und zu fördern sind, – aber ich meine: das Eine wie das Andere aus anderen Gründen als bisher. Wir haben umzulernen, – um endlich, vielleicht sehr spät, noch mehr zu erreichen: u m z u f ü h l e n.

Wird es einfach sein, die alten Sitten abzuschaffen?

Die Sitte repräsentiert die Erfahrungen früherer Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche, aber das Gefühl für die Sitte (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die Indiskutabilität der Sitte. Und damit wirkt dies Gefühl dem entgegen, dass man neue Erfahrungen macht und die Sitten korrigiert: Das heißt, die Sittlichkeit wirkt der Entstehung neuer und schönerer Sitten entgegen: sie verdummt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sitte und Gesetz?

Die Gesetze verraten nicht das, was ein Volk ist, sondern das, was ihm fremd, seltsam, ungeheuerlich, ausländisch erscheint. So gab es bei den Wahabiten nur zwei Todsünden: einen anderen Gott, als den Wahabiten–Gott zu haben, und – rauchen. “Und wie steht es mit Mord und Ehebruch?” fragte erstaunt ein Engländer, der diese Dinge erfuhr. “Nun, Gott ist gnädig und barmherzig”, sagte der alte Häuptling. – So gab es bei den alten Römern die Vorstellung, dass eine Frau sich nur auf zweierlei Art tödlich versündigen könne: einmal durch Ehebruch, sodann – durch Weintrinken. Der alte Cato meinte, man habe das Küssen unter Verwandten nur deshalb zur Sitte gemacht, um die Frauen in diesem Punkt unter Kontrolle zu haben; ein Kuss bedeute: riecht sie nach Wein?

Erstaunlich, wenn man dabei an die Orgien der römischen Männer denkt...

Man hat wirklich Frauen, die beim Weintrinken erwischt wurden, mit dem Tod gestraft: und gewiss nicht nur, weil die Frauen unter der Einwirkung des Weines alles Neinsagen verlernen; die Römer fürchteten vor allem das d i o n y s i s c h e Wesen, von dem die Frauen des europäischen Südens damals von Zeit zu Zeit heimgesucht wurden, als eine ungeheuerliche Ausländerei, es war ihnen wie ein Verrat an Rom.




Author
Frank Jost
Kommentare
esther22
esther22 vor 5 Monaten
lol