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Die Hunde zu Wölfen machen.


Ein Unzeit gemässer Dialog:
Der Immoralist, Forts.

Was ist der kardinale Unterschied zwischen der antiken und unserer deutschen Moral?

Der Mensch muss etwas haben, dem er gehorchen kann – das ist eine deutsche Empfindung – man begegnet ihr auf dem Grund aller deutschen Morallehren. Wie anders ist der Eindruck, wenn man sich vor die gesamte antike Moral stellt! Alle diese griechischen Denker scheinen als Moralisten dem Turnmeister zu gleichen, der einem Jüngling zuspricht: “Komm! Folge mir! Ergib dich meiner Zucht! So wirst du es vielleicht so hoch bringen, vor allen Hellenen einen Preis davonzutragen.” Auszeichnung – das ist die antike Tugend.

Welche Ziele will der Mensch durch die Moralität erreichen?

Man hört allerwärts jetzt das Ziel der Moral ungefähr so bestimmt: es sei die Erhaltung und Förderung der Menschheit; aber das heißt, eine Formel haben wollen, und weiter nichts. Erhaltung w o r i n? muss man sofort dagegen fragen. Förderung w o h i n? Ist nicht gerade das Wesentliche, die Antwort auf dieses Worin? und Wohin? in der Formel ausgelassen? Was läßt sich also mit ihr für die Pflichtenlehre festsetzen, was nicht schon, stillschweigend und gedankenlos, jetzt als festgesetzt gilt! Kann man aus ihr genügend absehen, ob man eine möglichst lange Existenz der Menscheit in’s Auge zu fassen habe? Oder die möglichste Enttierung der Menschheit? Wie verschieden würden in beiden Fällen die Mittel, das heißt die praktische Moral, sein müssen.

Warum wurde eine beständige Moral noch nicht gefunden?

Der im Ganzen geringe Erfolg der Morallehrer hat darin seine Erklärung, dass sie zu viel auf einmal wollten, das heißt, das sie zu ehrgeizig waren: sie wollten allzu gern Vorschriften für Alle geben. Dies aber heißt, im Unbestimmten schweifen, und Reden an die Tiere halten, um sie zu Menschen zu machen: was Wunder, dass die Tiere dies langweilig finden! Man sollte begrenzte Kreise sich aussuchen und für sie die Moral suchen und fördern, also zum Beispiel Reden vor den Wölfen halten, um sie zu Hunden zu machen. Vor allem aber bleibt der große Erfolg immer dem, welcher weder alle, noch begrenzte Kreise, sondern Einen erziehen will, und gar nicht nach rechts und links schaut.

Sie sagen also, Moral sei eine Illusion. Aber wird dies nicht für Aufregung sorgen?

Moralisch zu leiden und dann zu hören, dieser Art Leiden liege ein Irrtum zu Grunde, dies empört. Es gibt ja einen so einzigen Trost, durch sein Leiden eine tiefere ‘Welt der Wahrheit’ zu bejahen, als alle sonstige Welt ist, und man will lieber leiden und sich dabei über die Wirklichkeit e r h a b e n fühlen (durch das Bewusstsein, jener ‘tieferen Welt der Wahrheit’ damit nahe zu kommen) als ohne Leid und dann ohne dies Gefühl des Erhaben–sein. Somit ist es der Stolz und die gewohnte Art, ihn zu befriedigen, welche sich dem neuen Verständnis der Moral entgegen stemmen. Welche Kraft wird man also aufzuwenden haben, um diesen Hemmschuh zu beseitigen? Mehr Stolz? Einen n e u e n Stolz?

Gesetzt, man hätte einen neuen Stolz, eine neue Philosophie gefunden: wie könnte man die Menschen dafür gewinnen?

Soll eine Veränderung möglichst in die Tiefe gehen, so gebe man das Mittel in den kleinsten Dosen, aber unabläßig auf weite Zeitstrecken hin! Was ist Großes schon auf einmal zu schaffen! So wollen wir uns hüten, den Zustand der Moral, an den wir gewöhnt sind, mit einer neuen Wertschätzung der Dinge Hals über Kopf und unter Gewaltsamkeiten zu vertauschen. Man fängt ja an, auch dies einzusehen, dass der letzte Versuch einer großen Veränderung der Wertschätzungen, und zwar in Bezug auf die politischen Dinge, – die ‘große Revolution’ – nicht mehr war, als eine blutige Quacksalberei, welche durch plötzliche Krisen dem gläubigen Europa die Hoffnung auf plötzliche Genesung beizubringen wusste.

Können wir davon ausgehen, dass die heutigen Moralvorstellungen keinen dauerhaften Bestand haben werden?

In Hinsicht auf die noch bevorstehende wesentliche Umgestaltung der Herden und Gemeinden, Staaten und Gesellschaften kann man prophezeien, dass es noch sehr abweichende Moralen geben wird.

Was sagen Sie zu den vielen Resolutionen der Vereinten Nationen?

Es ist ein richtiges Urteil der Gelehrten, dass die Menschen zu allen Zeiten zu glauben wussten, was gut und böse, lobens– und tadelnswert sei. Aber es ist ein Vorurteil der Gelehrten, dass wir es jetzt besser wüssten, als zu irgend einer Zeit...




Du vergisst dies Flattern, von Rose zu Rose.


Author
Frank Jost